Mittwoch, 8. Juli 2015

In ihrem Text Can an Algorithm be Agonistic? Ten Scenes from Life in Calculated Publics führt Kate Crawford zehn verschiedene Szenarien auf, die zeigen sollen, inwiefern Algorithmen agonistisch sind. Im Zuge dessen spricht sie von einem agonisitschen Pluralismus, der auf der einen Seite ein Ideal für Ingenieure darstellt und auf der anderen provozieren soll, Algorithmen in einem sozialen Kontext zu sehen.

Der erste Abschnitt stellt die Frage, ob Algorithmen politische Eigenschaften haben können und wie genau diese aussehen. Laut Langdon Winter gibt es zwei verschiedene Argumente, die zeigen, ob technische Dinge politisch sind oder nicht. Entweder stellen diese Dinge ein effektives Mittel dar, um Macht und Autorität zu etablieren, indem soziale Akteure diese Dinge beeinflussen, oder die technischen Dinge sind seit jeher politisch und damit automatisch mit Macht und Autorität verbunden.
Crawford verweist hierbei auf Chantal Mouffe, die eine Unterscheidung von „political“ und „politics“ für notwendig hält. Der Ausdruck „political“ bezeichnet für sie etwas antagonistisches, ein Konfliktpotenzial, dass in jeder menschlichen Gesellschaft zu jeder Zeit vorhanden ist. Es muss eine Wahl zwischen sich zwei gegenüberstehenden Positionen getroffen werden „Politics“ hingegen ist eine Ansammlung von Praktiken und Institutionen, die Formen der sozialen Organisation formen und auch immer ein Konfliktpotenzial beinhalten.
Aufgrund dieser Unterscheidung spricht Mouffe von „agonistic struggle“, was nichts anderes bedeutet, als dass man die (eher unerfreuliche) Wahl zwischen zwei unterschiedlichen Möglichkeiten hat. Dieser Umstand ist für sie letztendlich die Grundlage einer funktionierenden Demokratie. Für Crawford ist nun interessant, diese verschiedenen Möglichkeiten in Zusammenhang mit den zahlreichen Kontexten, in denen Algorithmen auftreten, zu bringen und so Beobachtungen im Bezug auf Plattformen wie Facebook oder Amazon im Vergleich mit dem schon zuvor angesprochenen „political“ zu machen.

Das zweite Szenario, welches Crawford aufzeigt, dürfte jedem von uns bekannt sein. Man hat ein Buch oder irgendeinen anderen Gegenstand im Internet gekauft und sogleich wird man von Anzeigen überflutet, die sagen „Kunden, die diesen Artikel kauften, kauften auch...“. In manchen Fällen erscheint uns der Zusammenhang zwischen den einzelnen Produkten ganz logisch, in anderen, erschließt er uns sich nicht direkt, auch wenn aufgrund gewisser Algorithmen klar errechnet wurde, dass diese Produkte nun einmal oft zusammen gekauft werden. Dabei ist aber auch nicht immer klar, wie genau die Algorithmen arbeiten, da sie so viel Input bekommen, dass sie nicht mehr vorhersagbar sind.
Diese Art von Manipulation gibt es aber nicht erst, seit es Seiten wie Amazon gibt. Auch schon vorher wurde, durch zum Beispiel Bestseller Listen, eine ganze Buchkaufende Öffentlichkeit, wie Crawford es nennt, gelenkt und beeinflusst.

Im dritten Abschnitt zitiert Crawford McKenzie Wark, der sagt, dass „technology“ und „political“ nicht voneinander zu trennen sind, und man das selbe System nur aus verschiedenen Perspektiven betrachtet, wenn man von „technology“ oder „political“ spricht. Auch Alex Galloway spricht über dieses System und konstatiert, dass man diesem mehr Beachtung schenken sollte als den Technologien, die diese Systeme formen. So gibt es verschiedene Algorithmenarten. Zum einen denjenigen, den Crawford als „autocratic“ bezeichnet. Solch ein Algortihmus ist der Google EdgeRank, dessen Vorgehensweise nicht wirklich transparent und nachvollziehbar scheint, und „plutocratic“ Algorithmen, wie den Google PageRank, der Seiten unterstützt, die schon eine hohe Reichweite haben, worüber wir in unserem Seminar schon oftmals gesprochen haben.

Im vierten Szenario bezieht sich die Autorin auf ein Interview mit Mouffe, die Demokratie definieren soll. Mouffe spricht vom „agonistic pluralism“ der, ihrer Ansicht nach, in einer neuen Definition von Demokratie beinhaltet werden sollte, und sich somit von dem traditionellen liberalen Konzept abhebt. Es ist wichtig, dass die demokratische Gesellschaft Übereinkünfte herstellen, indem sie ihre persönlichen Interessen in den Hintergrund stellen und rationaler denken. Dabei muss uns aber jederzeit bewusst sein, dass Konflikte entstehen können, womit sie wieder Bezug zum agonistischen Pluralismus nimmt, und diese auch Platz haben, um gelöst zu werden.

In ihrer fünften Szene schildert Crawford den Tag des Anschlags beim Boston Marathon im Jahre 2013, auf den sie durch Bilder auf Twitter aufmerksam wurde. Auch in den darauffolgenden Stunden verbrachte die Autorin ihre Zeit bei Reddit und Twitter, um über die neusten Theorien und Informationen auf dem Laufenden gehalten zu werden. Gleichzeitig wurden auch die Trauer und die Wut über solch ein Attentat auf diesen Plattformen zum Ausdruck gebracht.
Schnell wurde auch ein möglicher Tatverdächtiger durch die vielen User identifiziert, ein vermisster Student der Brown Universität. Auch die Mainstream Medien nannten diesen Namen bald in den Nachrichten, bis der vermisste Student eine Woche später tot in einem Fluss gefunden wurde und klar wurde, dass er nichts mit den Anschlägen zu tun hatte.
Die meisten Posts, die den Studenten verdächtigten wurden zwar gelöscht, das meiste, was veröffentlicht wurde, kann aber immer noch nachvollzogen werden.
Reddit entschuldigte sich später dafür, dass die ganze Sache in solch einem Maße aus dem Ruder gelaufen war. Die Gemeinschaft, das 'wir', das sich in diesem Zeitraum auf der Plattform gebildet hat, schaffte zwar großes Identifikationspotenzial, aber auch viele negative Emotionen und Aggressionen. Die „upvotes“ zählten in diesem Moment nicht viel, es schien, als sei die ganze Reddit Community sicher, dass es sich bei dem Studenten um den Attentäter handelte. Es wurde kein Konsensus, keine völlige Übereinstimmung geschaffen, wie Mouffe sie anspricht, auch wenn durch zahlreiche andere Einflüsse solch ein Eindruck erweckt wurde. Übrig blieben nur noch die Entschuldigungen und die Scham der Seitenbetreiber.

Im sechsten Punkt richtet die Autorin ihr Augenmerk ganz klar auf den Punkt, ob Algorithmen agonistisch sein können. Zunächst erscheinen Algorithmen nur als ein mathematisches Prozedere, welches auf Regeln basiert und irgendwie mechanisch abläuft, Crawford schreibt aber, dass diese sich auch zwischen rivalisierenden oder sich widersprechenden Daten entscheiden müssen.
Auch die Geschichte und Philosophie, die ihnen zugrunde liegt, muss erst verstanden werden, um das ihrerseits vermittelte Wissen nachvollziehen zu können.
Für jemanden, der, wie ich, wenig Ahnung von Algorithmen und ihrer Arbeitsweise hat scheint es komisch, von agonistischen Algorithmen zu sprechen, da ihre 'Arbeit' unsichtbar abläuft. So wissen wir nicht, was alles im Hintergrund passiert, sodass uns verschiedene Bücher präsentiert werden, die uns aufgrund unseres Kaufverhaltens auch interessieren könnten.
Da es aber so viele verschiedene Algorithmen, auf so vielen verschiedenen Plattformen gibt, ist es gar nicht so abwegig, dass diese miteinander konkurrieren.

In ihrem siebten Szenario möchte Crawford betonen, warum es so wichtig ist, dass Algorithmen agonistisch sind. Zuvor hat sie ja schon die beiden Arten von Algorithmen benannt. Wenn man nun davon ausgeht, dass Algorithmen nur „autocratic“ sind, ergeben sich einige Probleme. Das würde bedeuten, dass das Internet aus gleichgestellten Nutzern besteht, die alle rational denken und dementsprechend auch im Netz agieren. Dies ist, wenn man zum Beispiel Bots oder Trolls mit einbezieht, definitiv nicht der Fall. Wenn wir nun der Logik des agonistischen Pluralismus' folgen, könnte dieser uns helfen, die tatsächlichen Gegebenheiten besser zu verstehen. Es gibt zahlreiche Positionen und Emotionen, die alle im Internet zusammenkommen. Man hat die Möglichkeit zwischen unterschiedlichem Handeln zu wählen, man hat Alternativen.
Auch hier sei wieder gesagt, dass ein Konfliktpotenzial definitiv gegeben ist und dieses einfach akzeptiert werden muss und Teil des Spiels ist.

Die achte Szene bezieht sich auf einen Streich der Communities 4chan und Anonymous. diese hatten es 2009 durch Manipulation mithilfe von autovotes geschafft, die jährlich große Ankündigung der 100 einflussreichsten Leute der Welt abzuändern.
Im neunten Abschnitt nimmt Crawford Bezug auf die Arbeitsplätze derjenigen, die Algorithmen schreiben, um den Agonismus von Algorithmen noch verdeutlichen zu können. Auch dort spielen Konflikte und Diskussionen jeden Tage eine Rolle, da, bis ein funktionierender Algorithmus gefunden ist, viel ausprobiert und lamentiert werden muss. Auch gibt es Plattformen, Crawford nennt Reddit, die ihre algorithmischen Prozesse transparent für die User machen, da jene die direkte Partizipation oftmals als etwas positives auffassen.
Algorithmen sind also schon Teil unseres sozialen Umfeldes.

Dies fasst Crawford im zehnten und letzten Punkt auch noch einmal auf, als sie betont, dass Algorithmen nicht nur etwas technisches, mechanisches sind, sondern auf menschlichen Entscheidungen basieren.

Montag, 29. Juni 2015

In seinem Aufsatz Forschungsmedien erforschen. Über Praxis mit der Daten-Mapping-Software Gephi weist Paßmann zunächst darauf hin, dass Medien Dargestelltes auf eine Weise prägen können, die zu inkorrekten Ergebnissen führen kann. Erfahrene Mediennutzer können sich aber gewisse Praktiken zu eigen machen, mit deren Hilfe sie davor bewahrt werden, zu falschen Einschätzungen zu gelangen. Dabei spricht Paßmann zunächst von drei Faktoren, über die man verfügen sollte, um nicht zu falschen Schlussfolgerungen zu springen. Der erste ist, seine Forschungsmedien zu kennen, genauso wie die Situation und der dritte, über Feldwissen zu verfügen. Dies ist aber nicht immer so simpel, wie es im ersten Moment scheint. Es stellt sich also die Frage, welches Wissen notwendig ist, um Wissen zu erzeugen.
Paßmann bezieht sich hierbei auf ein Protokoll mit Daten von Twitter, das mithilfe der Mapping-Software Gephi visualisiert. Von großer Bedeutung sind in diesem Fall Visualisierungsalgorithmen.
Paßmann und Martijn Weghorst erstellten zusammen eine Datenbank mit den 450 reichweitenstärksten deutschsprachigen Twitterern, von denen die 100 reichtweitenstärksten Tweets genauer untersucht wurden, im Hinblick auf Favs und Retweets. Die Visualisierung der Software Gephi zeigt nun nicht alle Favs und Retweets der 100 ausgewählten Tweets an, sondern nur jene, die die 450 reichweitenstärksten Twitterer sich bei diesen Tweets untereinander gegeben haben.
Bei der Visualisierung stellt sich schnell heraus, dass es zwei Twitter Gruppen gibt, Leute, die den Favorisieren Button als Lesezeichen benutzen und die von Paßmann so genannte Favstar-Sphäre, Twitter Nutzer, die denn Button nutzen, um ihre Anerkennung für gewisse Tweets auszudrücken.
Auch der Umstand, dass die „wichtigen“ Twitterer ihre Tweets gegenseitig faven und retweeten wird durch die Map gut dargestellt.
Das Arbeiten mit dem Programm Gephi und auch die Graphen selbst weisen auf ein Paradox hin. Bilder scheinen eher unbeliebt in wissenschaftlichen Arbeiten zu sein, Visualisierungen sind aber, so zum Beispiel in der Form von Graphen, nach wie vor eine große Rolle in der Wissenschaft.
In diesem Fall handelt es sich jedoch um soziale Graphen, die nicht die Welt zu imitieren versuchen, sondern eine völlig neue symbolische Darstellung aufweisen. Ob diese letztendlich richtig gedeutet wird, hängt immer von dem Wissen ab, dass beim Erstellen des Graphen vorhanden war und wie dieses einsortiert wird.
Nun geht Paßmann weiter und spricht über den ersten der drei zuvor genannten Faktoren, das technisch-methodische Wissen im Bezug auf die Twitter-Studie. Beim Erstellen der verschiedenen Gephi-Maps hat Weghorst verschiedene Variablen geändert, um die Veränderungen der abhängigen Variablen und damit einhergehend eine Veränderung der Darstellung zu erzielen. Durch experimentelles Vorgehen und gesammelte Erfahrungen kennt er also sein Forschungsmedium.
Durch das Skype Gespräch wird deutlich, das Weghorst an einem Abend viele verschiedene Versuche unternommen hat, eine oder mehrere geeignete Graphiken zu erstellen. Durch Herumexperimentieren wird der Forschungsgegenstand der Situation angepasst, Weghorst arbeitet gewissermaßen situativ und erfüllt somit auch den zweiten genannten Faktor.
Das Feldwissen kommt bei Paßmann vor allem durch persönlicher Erfahrungen zustande, so zum Beispiel diverse Konferenzen oder Interviews, in denen er Twitterer der Favstar-Sphäre kennen lernen konnte. Dass diese auch auf Treffen eine gesonderte Gruppe bilden, verweist also auch auf die Diagramme, die zeigen, dass eine gewisse Verbundenheit in dieser Twitter Gruppe herrscht.
Ein weiteres Wissensfeld, das Paßmann zuvor nicht angesprochen hat, ist das theoretisch-literarische Wissen, durch welches er sich schlussendlich, aufgrund der „Power Law Distribution“, für eine der vielen generierten Maps entschieden hat.
Paßmann gelingt es also die drei am Anfang erwähnten Arten von Wissen, und noch eine weitere, mithilfe seiner Studie zu belegen, auch wenn dies zunächst nicht offensichtlich scheint und das genutzte Medium zunächst hinterfragt und abgeändert werden musste.

Dienstag, 16. Juni 2015

Gerlitz und Helmond erklären am Anfang ihres TextsThe Like economy: Social buttons and the data intensive web auf welche Weise sich Facebook ausgebreitet hat. Dies geschah vor allem durch die Verbreitung der Like- und Share-Buttons auf diversen anderen Internetseiten. Damit wurden viele Seiten im Netz verbunden, man kann von einer Infrastruktur sprechen, die durch diese Art der sozialen Verbundenheit aufgebaut wird. Damit hat Facebook es sogar geschafft, den Like-Button als eine feststehende Größe in unserer Gesellschaft zu etablieren.
Dies ist aber erst im Web 2.0 aktuell. Zu Zeiten des Web 1.0 waren Besucherzahlen, sogenannte Hits, die bestehende Messgröße. Im Web 2.0 spielt vor allem Partizipation eine Rolle, wodurch Social Plugins wie der Like-Button zu feststehenden Messgrüßen werden konnten. Dadurch, dass eine Internetseite über mehr solcher Plugins verfügt, wird sie auch deutlich mehr von ihren Nutzern geformt. Es entsteht die schon angesprochene Infrastruktur, die Seiten sind untereinander alle miteinander verbunden. Der Datenaustausch wird nicht mehr nur durch Suchmaschinen und Hits gesteuert, sondern ganz klar von sozialen Plattformen, an denen jeder mitwirken kann.
Doch auch Facebook hat Grenzen, wenn es darum geht, dass reale soziale Leben auf ein soziales Netzwerk zu übertragen. So sprechen Gerlitz und Helmond das Fehlen des Dislike-Buttons an, den viele User fordern.
Soziale Plattformen wie Facebook können also durchaus als Mittel für soziale Interaktion gesehen werden, und sind wohl aus der heutigen Gesellschaft auch nicht mehr so schnell wegzudenken, ob sie dafür völlig ausreichen, ist anhand ihrer Grenzen jedoch fraglich.

Esposito macht direkt am Anfang ihres Textes Algorithmische Kontingenz. Der Umgang mit Unsicherheit im Web klar, dass die Gesellschaft gleichermaßen fasziniert, aber auch geplagt ist, von der Kontingenz, die in ihr herrscht. Das bedeutet, dass in unserer Gesellschaft alles möglich ist, ja, dass es sogar mehr Möglichkeiten und Konsequenzen für jeden gibt, als tatsächlich in Betracht gezogen werden können. Dieser Umstand muss aber nicht nur als etwas durchweg positives angesehen werden, er kann durchaus auch zu Enttäuschungen führen. Um das zu verhindern, gibt es einige theoretische Ansätze.
Ein etwas neuerer ist der der 'rationalization' von Lorraine Daston von 2013. Nach diesem Ansatz muss die Unsicherheit der Vernunft durch algorithmische Regeln ersetzt werden.
Aber auch schon früher gab es Ansätze, die der Enttäuschung durch die Kontingenz entgegenwirken sollten, wie zum Beispiel Wahrscheinlichkeiten und Statistiken ab dem 17. Jahrhundert. Dabei wirkt die Wahrscheinlichkeit nicht als etwas, dass die Welt untersucht oder die Suche nach der Wahrheit darstellen sollte, sondern vielmehr als ein Mittel, um scheinbar unüberwindbare Unsicherheiten weniger unsicher erscheinen zu lassen und diese entsprechend zu verwalten.
Da das große Problem der Kontingenz ist, dass man so viele Handlungsmöglichkeiten hat, deren Konsequenzen nicht überschaubar genug sind, ist eine Möglichkeit Gewissheit mit Vernünftigkeit zu ersetzen. Dadurch hat man zwar nie die Sicherheit, dass die eigene Wahl die bestmögliche ist, dies ist aber auch nicht zwingend erforderlich. Vielmehr ist bei diesen Techniken interessant, wie man nicht zufällige Entscheidungen am besten trifft, indem er rechnet. Durch Algorithmen können Unsicherheiten rationalisiert werden. Darauf zielt auch Dastons Technik ab. Bis dahin hat sich aber viel getan. So ist es ein Unterschied, ob auf einfache Statistiken und Wahrscheinlichkeiten gebaut wird, oder ob die eignen Unsicherheiten von einem Computer errechnet werden.
Wichtig ist aber vor allem, dass die Unsicherheiten nicht als etwas durchweg negatives gesehen werden, sondern durchaus als Ressourcen für neue Möglichkeiten genutzt werden können.
Das erste Problem, was beim Algorithmus auftritt ist, dass dieser formal nicht definiert werden kann, auch wenn klar ist, wie er funktioniert. Ein Algorithmus muss auch nicht immer zu einer Lösung führen, sodass es nicht immer sinnvoll ist, einen anzuwenden. Die Unsicherheit der Vernunft wird also zu einer Unsicherheit über die Grenzen der Formalisierung, selbst wenn man rational denkt, weiß man nie genau, wann man überhaupt rationalisieren sollte. Daraus folgt, dass die vernünftigste Lösung nicht unbedingt die richtige sein muss.
Dass Formalisierung Grenzen hat, scheint vielen nicht mehr bewusst zu sein, nützlich kann sie dennoch sein. Die Kontingenz wird dadurch aber nicht aufgehoben.
Die Verbreitung rationaler Ansätze hat außerdem zur Folge, dass diese irrational wirken können. Die Ansätze können ihre eigene Rationalität oder vielmehr die Irrationalität nicht mit berücksichtigen. Die Ansätze und Modelle selbst bleiben zwar rational, die Formalisierung schafft aber eine Situation, in der es eigentlich rational wäre, sich nicht formal mit Rationalität auseinander zu setzen. Dies führt zu einem neuen Bild von Algorithmen. Ihr Gebrauch sollte in der heutigen Gesellschaft unbedingt überdacht werden, da sie auf jeden Fall auch produktiv genutzt werden können. So scheinen sie sogar zu einer neuen Form von Intelligenz führen zu können, die anders als die menschliche Vernunft ist.
So zeigt zum Beispiel die Suchmaschine Google aufgrund ihres Algorithmus' Seiten an, die vorher schon miteinander verknüpft sind und so wahrscheinlich auf ähnliche Themen abzielen. Sie arbeitet nicht intelligent, da sie den Inhalt der Seiten nicht verstehen kann, aber der Umstand, dass sie dem Nutzer informative Seiten aufzeigt, sein Wissen vielleicht sogar um zusätzliche Informationen erweitert, lassen sie doch intelligent werden. Esposito spricht von einer reflektierten Intelligenz, da die Maschine sich die Intelligenz vorheriger Nutzer zu eigen macht und anhand dieser selektiert. Die Kontingenz wird dadurch keineswegs verringert, eher noch vergrößert, aber die Suchmaschine kann jederzeit ein nachvollziehbares Ergebnis ausspucken, das die Unsicherheit deutlich schrumpfen lässt.
Die Kommunikation im Internet ist ebenfalls eine völlig andere, da es autonome Roboter oder auch Bots gibt, die auf Algorithmen basieren. Sie sammeln Informationen zum Austausch in sozialen Netzwerken oder dem Internet allgemein. Diese werden dann im Netz weiter kommuniziert. Dies unterscheidet sie von klassischen Algorithmen, da Daten hier weiterverarbeitet werden können, um neue Daten zu erzeugen. Dies geschieht alles anhand menschlicher Selektion, die von den Menschen selber in diesem Maße jedoch nicht erfasst werden kann.



Mittwoch, 10. Juni 2015

Zunächst erläutern Easton und Hess in ihrem Text Youth and Political System, dass in keinem Zeitalter so viele politische Systeme zusammengebrochen und andere aufgebaut wurden, wie in unserem. Dabei ist aber auch zum ersten Mal ein System entstanden, dass in nahezu allen westlichen und Entwicklungsländern Anklang gefunden hat.
Hauptsächlich wird bei politischen Umschwüngen nur auf Faktoren wie die Wirtschaft, Kultur oder wichtige Kriege, die das Land betreffen, geachtet, jedoch nur wenig auf den Umstand, wie ein politisches System es schafft sich zu etablieren und zu halten. Ein wichtiger Faktor ist zum Beispiel, dass das System es fertig bringt, aus der Masse eine integrierte Einheit zu schaffen. Dabei muss es aber auch Unterschiede zwischen den einzelnen Individuen geben, da Auseinandersetzungen und andere Meinungen ganz entscheidend zu einem System dazugehören. Die Aufgabe des Systems ist es, mit diesen Unterschieden umgehen zu können.
Ein politisches System kann nur unter bestimmten Voraussetzungen gehalten werden. Easton und Hess greifen sich vor allem einen Punkt heraus, nämlich den, dass es Erwartungen an die Gesellschaft gibt, nämlich Einigkeit im Wissen, der Einstellung und den Werten eines jeden Individuums. Ist diese Einigkeit in gewissem Maße vorhanden, kann man von einem gemeinsamen Konsens sprechen, in den das politische System gebettet ist.
Hierbei beziehen sich die Autoren auch auf David Riesman, nach dem ein demokratisches System nur existieren kann, wenn ein Minimum an politischer Partizipation gegeben ist.
Des Weiteren teilen sie das politische System in drei Level ein, die Regierung, das Regime und die politische Gemeinschaft. Wenn man nun von Änderungen im politischen System spricht, kann entweder einzelne Level oder sogar alle drei gemeint sein.
Im weiteren Verlauf sprechen Easton und Hess über Sozialisation, die sich auch auf allen drei genannten Ebenen abspielt und in jedem Level eine Rolle spielt. Bei Riesman ist jedoch vor allem die Regierungsebene von Bedeutung, da er betrachtet, was einen zum Beispiel zum Wählen bewegt und nicht, was einen dazu bewegt, eine bestimmte Richtung zu wählen. Da ein Minimum an Beteiligung besteht, funktioniert eine demokratische Regierung. Hierbei wird auch ein Bezug zu den drei Charakter Typen her, die Riesman definiert und in unserer letzten Sitzung eine Rolle spielten.
Bei der politischen Sozialisation geht es also nicht nur um die Einstellung gegenüber bestimmter politischer Personen oder Gruppen, sondern auch sich mit der Gemeinschaft ein Stück weit identifizieren zu können.
Diese Sozialisation findet quasi das ganze Leben statt, auch wenn sie bei Erwachsenen anders abläuft als bei Kindern und Jugendlichen. Erwachsene und auch junge Erwachsene besitzen schon gewisse Raster, in denen sie neu erworbenes Wissen einordnen können und dieses dann neu anwenden. Die Einstellung gegenüber dem Wählen und bestimmten Ideologien bildet sich schon relativ früh und wird später nur dementsprechend erweitert.
Wann genau politische Sozialisation beginnt, lässt sich so pauschal aber nicht sagen. Ein Kind bekommt schon früh Dinge des politischen Systems mit, ohne diese als solche zu sehen. Ein weiteres Problem ist, das man keine klaren Linien zwischen Kindheit, Jugend und Erwachsensein ziehen kann, sodass kein klarer Zeitpunkt festgelegt werden kann, an dem es am sinnvollsten ist, das wichtigste über solch ein Thema zu vermitteln.
Sicher ist jedoch, dass sich die politische Meinung meist schon früh bildet, und, obwohl teilweise sogar gewollt, sich auch nicht mehr großartig verändert.
Viele Jugendliche halten sich jedoch aus der Politik raus und Easton und Hess betonen, dass dies auch nicht unbedingt verkehrt ist. Jugendliche befinden sich in einer Findungsphase, in der Dinge wie Politik nicht unbedingt eine Rolle spielen. Eine gewisse Ernsthaftigkeit wird dennoch von ihnen verlangt. Aber solange die Probleme nicht von großer Bedeutung sind, halten sich die Jugendlichen raus. Die Abwesenheit der jugendlichen Partizipation deutet also auf ein nicht unbedingt schlechtes politisches System hin.

Der zweite Text Das Maß der Potsdamer Garde von Carlos Spoerhase behandelt ein ganz anderes Thema, nämlich Rankings und Listen, beziehungsweise ihre Entstehung.
Rankings sind heute wohl nicht mehr aus unserer Gesellschaft wegzudenken, da sie diese beschreiben und sogar verändern können. Dies geschieht durch Zahlen.
Spoerhase siedelt die Entstehung von Ranking im 18. Jahrhundert an, in der Epoche der europäischen Kunst- und Literaturkritik. In dieser Zeit entwarf der Dichter Schubart die „Kritische Skala der vorzüglichsten deutschen Dichter“, die in neun verschiedenen Kategorien 18 Dichter bewertet. Damit gilt Schubarts Liste als erster Vorläufer für die quantifizierende Rangliste.
Ebenfalls im 18. Jahrhundert veröffentlichte der Kunstkritiker de Piles eine „balance des peintres“, in der er 57 Künstler in vier Kategorien bewertet, ohne jedoch eine Gesamtwertung abzugeben.
Beide Ranglisten wurden zu ihrer Zeit als Unsinn abgetan, waren später aber immer wieder von großem Wert.
So wurde de Piles' Skala von Richardson aufgenommen und sogar um drei Kategorien erweitert. Auch Akenside nahm de Piles' Skala auf und ergänzte diese und bestimmte ebenfalls noch einen Gesamtwert.
Dieses Modell wurde später auch in die Musik übertragen. Auch in anderen Ländern wurden nun Ranglisten veröffentlicht und die wichtigsten und einflussreichsten Ranglisten übersetzt und zum Teil sogar mehrere Male gedruckt.
Die Skalen oder „Balance“ hatten angeblich erst einmal den Wert der Unterhaltung. Spoerhase geht aber auch darauf ein, dass diese für manche ein Mittel darstellten Werke mathematisch einzuordnen, mit Hilfe von Zahlen, und das somit die Mathematik auf das Gebiet des ästhetischen Urteils ausgeweitet werden konnte. Der Physiker de Mairan entdeckte somit zwei Schwachstellen in de Piles' Rangliste, der Gesamtwert muss das Produkt der einzelnen Kategorien sein, nicht die Summe und es darf nicht den Wert 0 geben, und korrigierte diese. Durch diese Verbesserungen erhoffte man sich, dass das Ranglistensystem schon bald in allen Bereichen des Geistes Anwendung finden würde.
Für Spoerhase wurden damit aber nicht alle Probleme beseitigt, die solch ein Ranking schafft.
So weiß man zum Beispiel nicht, ob eine Rangliste einen Wert begründen oder ihn zunächst entdecken will, die Absicht dahinter wird nicht deutlich.
Beim Erstellen des Rankings hatten alle Kritiker schon vorher bestimmte Präferenzen, die in ihre Wertung mit eingehen. Auch einen Gesamtwert zu errechnen, wird von dem Autor kritisiert. So kann nicht jeder Kategorie das gleiche Gewicht zugeschrieben werden. Ganz allgemein lassen sich,
laut Spoerhase, ästhetische Dinge nicht in Zahlen fassen.
Als Vorreiter für unsere heutigen Ranglisten und Wertungen lassen sich die Ranking aus dem 18. Jahrhundert schon sehen, dabei sind die aber definitiv kritisch zu betrachten.

Mittwoch, 27. Mai 2015

Mead grenzt das „Ich“ und das „ICH“ insofern voneinander ab, dass das „Ich“ durch neue Entwicklungen agiert und das „ICH“ den Rahmen für diese Handlungen bildet, dem „Ich“ also eine Form gibt. Diese ist eigentlich konventionell, kann aber in bestimmten Situationen und Lebenslagen durchaus unkonventionell beziehungsweise unkontrolliert auftreten.
Um dies zu verdeutlichen, erklärt Mead die Funktion des „ICH“ als Zensor. Dabei bestimmt das „ICH“ einen gewissen Rahmen für zulässiges Verhalten. Unter großem Druck verliert das „ICH“ jedoch seine Kontrolle, sodass das „Ich“ nun vorherrscht.
Normalerweise nimmt das Individuum das Verhalten anderer an, Mead nennt das die gesellschaftliche Kontrolle. Unsere Reaktionen orientieren sich demnach an gesellschaftlichen Konventionen, eine eigene Reaktion, abhängig von dem eigenen „Ich“ spielt dabei jedoch auch eine gewichtige Rolle. Dadurch entwickelt ein Jeder eine Persönlichkeit, eine eigene Identität und ist eben nicht nur ein institutionalisiertes Individuum. Das institutionalisierte Individuum wiederum äußert sich nun auf solch eine Art und Weise, dass die Gesellschaft, in der das Individuum sich bewegt, einen Nutzen darauf ziehen kann.
In diesem Fall spricht Mead von verengten Identitäten, die sich nicht komplett der Gruppe oder Gesellschaft öffnen können, in der sie leben. Sie nutzen aber die Gesellschaft auch nicht nur zu ihrem eigenen Vorteil aus, Mead spricht hierbei von impulsiven Menschen, die nicht zwingend selbstsüchtig sein müssen.
Dieser Ausdruck der eigenen Identität ist besonders wichtig. Ein Mensch muss zwar Routinearbeiten nachgehen können, Situationen, in denen er sich gehen lassen und seine eigene Persönlichkeit so ausdrücken darf wie er möchte, sind von unschätzbar großem Wert für jedes Individuum. Solche Handlungen sind von impulsivem Wert und können mal höher, mal niedriger von der Gesellschaft geschätzt werden.

Die Werte des „ICH“ sind Werte der Gesellschaft, im Grunde handelt es sich sogar um Werte, die wichtiger als alles andere sind und eine Aufopferung der Identität für das große Ganze möglich machen. Damit tut sich laut Mead ein Paradoxon auf, da der Einzelne sich zwar für die Gesellschaft opfert, er dadurch aber erst zu einer Identität wird und das Leben als Identität erst in der Gesellschaft möglich ist. Individuum und Gemeinschaft beeinflussen sich also gegenseitig, vielmehr noch, sie bedingen einander. Hierbei handelt es sich meist um kleine Gruppen, die durch jeden Einzelnen neu geformt werden, im Gegenzug dazu aber auch jeden Einzelnen in gewisser Weise umformen.
Diese Veränderungen fallen vor allem bei großen Persönlichkeiten, wie Mead sie nennt, ins Gewicht. Dabei können diese Personen sogar zu Symbolen werden, die lange Zeit aufrecht erhalten werden können. Solche Genies sind meist der Grund für die größten gesellschaftlichen Veränderungen, wobei die einzelnen Personen vorher durch ihre Umwelt und Gemeinschaft geprägt wurden.
Hierbei verändert das „Ich“ die Gesellschaft, was sich positiv, aber auch negativ auswirken kann. In einer Gesellschaft können Werte verschwinden oder eben auftauchen, die letztendlich zu einer Enthemmung führen können, die jeden Einzelnen Erfahrungen erleben lassen können, die er unter normalen Umständen vielleicht nicht gemacht hätte.
Am einfachsten scheint es die eigene Meinung auszudrücken, wenn sich das Interesse einer Gruppe gegen einen gemeinsamen Feind richten kann. Laut Mead ist der Kampf das, was das Interesse einer Gemeinschaft aufrecht erhält.
Ein eigener Ausdruck ist dennoch unabdingbar. Eine zivilisierte menschliche Gesellschaft muss sich ganz klar von einer primitiven abgrenzen, indem sie individuelles Denken und Verhalten zulässt und nicht zwanghaft an Konventionen festhält. Dabei ist aber eine klare Orientierung an der Gemeinschaft vorhanden, da jedes Individuum durch diese bedingt wird. 

Auch David Riesman spricht in seinem Buch The Lonely Crowd davon, dass jedes Mitglied einer Gemeinschaft so handeln sollte, dass die Gesellschaft den größten Nutzen daraus ziehen kann. Riesman drückt es so aus, dass jedes Individuum so handeln wollen muss, wie es letztendlich für die eigene Gesellschaft handeln muss. Diese Konformität, wie Riesman es nennt, sich an die jeweilige Gemeinschaft anzupassen, wird quasi von Anfang an jedem Kind mitgegeben, wobei dies sich im Nachhinein in verschiedene Richtungen entwickeln kann.
Anhand einer sogenannten S-Kurve, die mit Bevölkerungswachstum und dergleichen zu tun hat (was ich nicht vollständig verstanden habe), zeigt Riesman drei Idealtypen von Charakteren und deren Gesellschaften auf.
Der erste Typ wird von denjenigen gebildet, die ihre Konformität durch Traditionen und das Befolgen dieser bilden. Es geht hauptsächlich darum, Sitten und Gebräuche zu erhalten und diese weiterzugeben in einer Gesellschaft, die sich kaum wandelt.
Dann gibt es Menschen, deren Konformität eher von einem inneren Verlangen abhängt, früh im Leben gewisse Ziele zu erreichen. Dies ist der innengeleitete Mensch. Traditionen haben in dieser Gesellschaft keinen hohen Stellenwert, da es sich um eine Gesellschaft im stetigen Wandel handelt. Werte, die generell gültig sind, werden schon früh vermittelt, sodass diese in nahezu jeder Lebenssituation zum eigenen Vorteil angewendet werden können.
Abschließend nennt Riesman noch einen dritten Typ Mensch, den außengeleiteten, der hauptsächlich darauf abzielt, die Erwartungen seines Umfeldes zu erfüllen. Durch viele Einflüsse von außen, andere Werte und Traditionen, richtet sich der Mensch eher nach dem, was er von zum Beispiel Massenmedien vermittelt bekommt. Auch peer-groups erhalten neben den Eltern eine wichtige Rolle bei der Sozialisation.
Diese drei Typen, die Riesman nennt, sind aber eher abstrakt zu sehen und nicht vollkommen festgesetzt. Es gibt nicht nur diese drei Typen, die immer wieder auftreten, vielmehr hat jeder Mensch diese drei Typen in sich vereint, sodass ein situationsgerechtes agieren jederzeit möglich ist. 

Mittwoch, 6. Mai 2015

Laut dem Philosophen und Soziologen George Herbert Mead hat jedes Individuum Eigenschaften, die es von anderen unterscheidet. Diese Fähigkeiten oder Eigenschaften machen uns effektiv, sodass die Gesellschaft in gewissen Aspekten ergänzt werden kann.
Interessant ist hierbei, dass theoretisch in der Gemeinschaft, in der die Individuen sich bewegen, jede Person den gleichen gesellschaftlichen Ursprung hat, es in der Entwicklung der eigenen Werte, Eigenschaften, etc. aber zu weitreichenden Unterschieden kommen kann.
Dabei reagiert jeder Einzelne auf die Gesellschaft, passt sich ihr an, beeinflusst aber auch umgekehrt die Gesellschaft durch seine Persönlichkeit. Besonders deutlich wird dies bei historischen Persönlichkeiten, wie zum Beispiel Einstein, die die Gemeinschaft nachhaltig prägen und verändern.
Diese Veränderungen scheinen zunächst unsichtbar, jedes Individuum kann erst im Nachhinein auf diese, von ihm selbst herbeigeführte Veränderung, reagieren.
Hierbei sollen die tatsächlichen Ereignisse, die eine Person erlebt hat, verwirklicht werden. Mead nennt dies das 'Ich', das durch seine Identität Anerkennung aller anderen Individuen sucht. Es geht aber noch weit über das Suchen von Anerkennung hinaus, da jede einzelne Person versucht, sich durch ihre Identität von den anderen zu unterschieden. Und dies nur im positiven Sinne. Diese Art Überlegenheitsgefühl ist jedoch nicht negativ aufzufassen, sondern ganz normal für das „Ich“ eines jeden.
Auch in der Gemeinschaft spiegelt sich dieses Überlegenheitsgefühl wider. Die eigene Gruppe soll immer besser sein als die anderen, organisierter.

Ähnliche Ansätze liefert auch Albert K. Cohen. Er geht jedoch zunächst von der Grundannahme aus, dass alle Taten von Personen dazu dienen, Probleme zu lösen. Diese Probleme gehen einmal aus der Lebenswelt eines jeden Individuums hervor (bei Cohen: 'situation') und den schon vorhandenen Interessen und Werten ('frame of referneces'). Um die Probleme zu lösen, muss eine Werteverschiebung stattfinden, das heißt, der 'frame of references' muss sich nachhaltig ändern. Ein anderes Kriterium, um Probleme zufriedenstellend zu lösen, ist, dass die Gemeinschaft, in der sich das Individuum befindet, diese Lösung als nachvollziehbar annimmt. Werden die Lösungsansätze in der Form jedoch nicht von der Gemeinschaft akzeptiert, so kann es passieren, dass das Individuum lieber Teil einer anderen Subkultur wird, die näher an den eigenen Vorstellungen liegt.
Und auch in der Gemeinschaft müssen Probleme so gelöst werden, dass sich der 'frame of references' verändert. Dies kann manchmal sogar in solch einem Maße geschehen, dass sich für äußere Betrachter, ganze moralische Grundsätze auflösen. Dieser Prozess stellt die Bildung einer neuen Subkultur dar.
Ähnlich wie bei Mead betont auch Cohen, dass jedes Individuum in seiner Gemeinschaft akzeptiert werden will, was sich bei Mead in dem Überlegenheitsgefühl äußert, dass jedes Individuum, seiner Meinung nach, inne hat. Und auch das Überlegenheitsgefühl der einzelnen Gruppen impliziert Cohen, da er davon spricht, dass jede Gruppe beziehungsweise Subkultur vor dem Problem stehen könnte, von Außen nicht akzeptiert zu werden, die Individuen sich innerhalb ihrer Gemeinschaft jedoch am wohlsten fühlen.

Mittwoch, 29. April 2015

Was haben Tiffany Lampen, Flash Gordon Comics, Gaudís Architektur und Bellinis Opern gemeinsam?
Ich würde behaupten nicht, aber laut Susan Sontag sind all' diese Dinge Beispiele für 'Camp'. 
Bei Camp handelt es sich um eine Erlebnisweise, die die Welt nur unter ästhetischen Gesichtspunkten sieht, und die moralischen komplett außen vor lässt. Dabei stellt Camp, ähnlich wie der Pop-Begriff, eine Art Geheimcode dar, der innerhalb bestimmter Personengruppen Verwendung findet.
Dass eine der darauf folgenden Schlüsse ist, dass man nicht über Camp reden kann und sollte, schiebt Sontag gekonnt zur Seite, indem sie sich darauf beruft, dass sie von Camp zwar durchaus fasziniert, aber auch abgestoßen ist.
Daraufhin folgt eine nicht abbrechen wollende Aufzählungen der Dinge, die alle Camp sind, 58 Punkte insgesamt. Und bei der Hälfte dieser Punkte, so kommt es mir vor, werden die Übertreibungen und die Künstlichkeit, genauso wie die Gegensätzlichkeit zum Ernsten, die Camp ausmachen, herausgestellt. Auch, dass Camp nicht so schlecht und kitschig ist, wie es sich zunächst darstellt, wird mehr als nur einmal von Sontag erwähnt.
Vielmehr zeigt Camp vieles auf eine ironische Art, es setzt alles in Anführungszeichen. Diese Ironie findet auch beim Pop Verwendung und zeigt klar auf, dass es möglich ist, Camp doppeldeutig zu sehen.
Ein großes Anliegen Sontags, ohne Ironie oder Übertreibungen, scheint es zu sein, durch ihre Erläuterungen zum Thema Camp, die Kluft zwischen der E- und der U-Kultur, der Hoch- und der Massenkultur, zu verkleinern. So schreibt sie am Ende ganz deutlich, dass die Hochkultur keinen alleinigen Anspruch auf guten Geschmack hat und sich dieser auch in anderen kulturellen Teilen finden lässt.
Einen ähnlichen Anspruch zeigt auch Leslie Fiedler in seinem Essay Cross the Border, Close the Gap auf.
Ähnlich provozierend wie die Tatsache, dass dieser Aufsatz im Playboy erschien, sind auch seine Aussagen.
Der alte Roman hat abgedankt, Joyce und Mann straft Fiedler mit nur wenigen Worten ab. Er spricht von einer neuen postmodernen Literatur, die für ihn zum Teil schon in verschiedenen Genres, zum Beispiel Westernfilmen, zum Greifen kommt.
Auch sein Anliegen ist es, wie der Titel seines Aufsatzes schon mehr als deutlich sagt, die Grenzen zwischen der Hoch- und der Massenkultur, aber auch zwischen, zum Beispiel, dem Realen und dem Mystischen, zu überwinden und Klüfte zu schließen. 
Somit machen beide, Fiedler und Sontag, in zwei ihrer bedeutendsten Essays, die gleiche Aussage auf zwei unterschiedlichen Wegen. 
Und auch, wenn mir ihre Aussagen und Ausführungen durchaus schlüssig erscheinen, widerstrebt es mir nach wie vor, Flash Gordon auf eine Ebene mit Gaudís Architektur zu stellen.