Mittwoch, 8. Juli 2015

In ihrem Text Can an Algorithm be Agonistic? Ten Scenes from Life in Calculated Publics führt Kate Crawford zehn verschiedene Szenarien auf, die zeigen sollen, inwiefern Algorithmen agonistisch sind. Im Zuge dessen spricht sie von einem agonisitschen Pluralismus, der auf der einen Seite ein Ideal für Ingenieure darstellt und auf der anderen provozieren soll, Algorithmen in einem sozialen Kontext zu sehen.

Der erste Abschnitt stellt die Frage, ob Algorithmen politische Eigenschaften haben können und wie genau diese aussehen. Laut Langdon Winter gibt es zwei verschiedene Argumente, die zeigen, ob technische Dinge politisch sind oder nicht. Entweder stellen diese Dinge ein effektives Mittel dar, um Macht und Autorität zu etablieren, indem soziale Akteure diese Dinge beeinflussen, oder die technischen Dinge sind seit jeher politisch und damit automatisch mit Macht und Autorität verbunden.
Crawford verweist hierbei auf Chantal Mouffe, die eine Unterscheidung von „political“ und „politics“ für notwendig hält. Der Ausdruck „political“ bezeichnet für sie etwas antagonistisches, ein Konfliktpotenzial, dass in jeder menschlichen Gesellschaft zu jeder Zeit vorhanden ist. Es muss eine Wahl zwischen sich zwei gegenüberstehenden Positionen getroffen werden „Politics“ hingegen ist eine Ansammlung von Praktiken und Institutionen, die Formen der sozialen Organisation formen und auch immer ein Konfliktpotenzial beinhalten.
Aufgrund dieser Unterscheidung spricht Mouffe von „agonistic struggle“, was nichts anderes bedeutet, als dass man die (eher unerfreuliche) Wahl zwischen zwei unterschiedlichen Möglichkeiten hat. Dieser Umstand ist für sie letztendlich die Grundlage einer funktionierenden Demokratie. Für Crawford ist nun interessant, diese verschiedenen Möglichkeiten in Zusammenhang mit den zahlreichen Kontexten, in denen Algorithmen auftreten, zu bringen und so Beobachtungen im Bezug auf Plattformen wie Facebook oder Amazon im Vergleich mit dem schon zuvor angesprochenen „political“ zu machen.

Das zweite Szenario, welches Crawford aufzeigt, dürfte jedem von uns bekannt sein. Man hat ein Buch oder irgendeinen anderen Gegenstand im Internet gekauft und sogleich wird man von Anzeigen überflutet, die sagen „Kunden, die diesen Artikel kauften, kauften auch...“. In manchen Fällen erscheint uns der Zusammenhang zwischen den einzelnen Produkten ganz logisch, in anderen, erschließt er uns sich nicht direkt, auch wenn aufgrund gewisser Algorithmen klar errechnet wurde, dass diese Produkte nun einmal oft zusammen gekauft werden. Dabei ist aber auch nicht immer klar, wie genau die Algorithmen arbeiten, da sie so viel Input bekommen, dass sie nicht mehr vorhersagbar sind.
Diese Art von Manipulation gibt es aber nicht erst, seit es Seiten wie Amazon gibt. Auch schon vorher wurde, durch zum Beispiel Bestseller Listen, eine ganze Buchkaufende Öffentlichkeit, wie Crawford es nennt, gelenkt und beeinflusst.

Im dritten Abschnitt zitiert Crawford McKenzie Wark, der sagt, dass „technology“ und „political“ nicht voneinander zu trennen sind, und man das selbe System nur aus verschiedenen Perspektiven betrachtet, wenn man von „technology“ oder „political“ spricht. Auch Alex Galloway spricht über dieses System und konstatiert, dass man diesem mehr Beachtung schenken sollte als den Technologien, die diese Systeme formen. So gibt es verschiedene Algorithmenarten. Zum einen denjenigen, den Crawford als „autocratic“ bezeichnet. Solch ein Algortihmus ist der Google EdgeRank, dessen Vorgehensweise nicht wirklich transparent und nachvollziehbar scheint, und „plutocratic“ Algorithmen, wie den Google PageRank, der Seiten unterstützt, die schon eine hohe Reichweite haben, worüber wir in unserem Seminar schon oftmals gesprochen haben.

Im vierten Szenario bezieht sich die Autorin auf ein Interview mit Mouffe, die Demokratie definieren soll. Mouffe spricht vom „agonistic pluralism“ der, ihrer Ansicht nach, in einer neuen Definition von Demokratie beinhaltet werden sollte, und sich somit von dem traditionellen liberalen Konzept abhebt. Es ist wichtig, dass die demokratische Gesellschaft Übereinkünfte herstellen, indem sie ihre persönlichen Interessen in den Hintergrund stellen und rationaler denken. Dabei muss uns aber jederzeit bewusst sein, dass Konflikte entstehen können, womit sie wieder Bezug zum agonistischen Pluralismus nimmt, und diese auch Platz haben, um gelöst zu werden.

In ihrer fünften Szene schildert Crawford den Tag des Anschlags beim Boston Marathon im Jahre 2013, auf den sie durch Bilder auf Twitter aufmerksam wurde. Auch in den darauffolgenden Stunden verbrachte die Autorin ihre Zeit bei Reddit und Twitter, um über die neusten Theorien und Informationen auf dem Laufenden gehalten zu werden. Gleichzeitig wurden auch die Trauer und die Wut über solch ein Attentat auf diesen Plattformen zum Ausdruck gebracht.
Schnell wurde auch ein möglicher Tatverdächtiger durch die vielen User identifiziert, ein vermisster Student der Brown Universität. Auch die Mainstream Medien nannten diesen Namen bald in den Nachrichten, bis der vermisste Student eine Woche später tot in einem Fluss gefunden wurde und klar wurde, dass er nichts mit den Anschlägen zu tun hatte.
Die meisten Posts, die den Studenten verdächtigten wurden zwar gelöscht, das meiste, was veröffentlicht wurde, kann aber immer noch nachvollzogen werden.
Reddit entschuldigte sich später dafür, dass die ganze Sache in solch einem Maße aus dem Ruder gelaufen war. Die Gemeinschaft, das 'wir', das sich in diesem Zeitraum auf der Plattform gebildet hat, schaffte zwar großes Identifikationspotenzial, aber auch viele negative Emotionen und Aggressionen. Die „upvotes“ zählten in diesem Moment nicht viel, es schien, als sei die ganze Reddit Community sicher, dass es sich bei dem Studenten um den Attentäter handelte. Es wurde kein Konsensus, keine völlige Übereinstimmung geschaffen, wie Mouffe sie anspricht, auch wenn durch zahlreiche andere Einflüsse solch ein Eindruck erweckt wurde. Übrig blieben nur noch die Entschuldigungen und die Scham der Seitenbetreiber.

Im sechsten Punkt richtet die Autorin ihr Augenmerk ganz klar auf den Punkt, ob Algorithmen agonistisch sein können. Zunächst erscheinen Algorithmen nur als ein mathematisches Prozedere, welches auf Regeln basiert und irgendwie mechanisch abläuft, Crawford schreibt aber, dass diese sich auch zwischen rivalisierenden oder sich widersprechenden Daten entscheiden müssen.
Auch die Geschichte und Philosophie, die ihnen zugrunde liegt, muss erst verstanden werden, um das ihrerseits vermittelte Wissen nachvollziehen zu können.
Für jemanden, der, wie ich, wenig Ahnung von Algorithmen und ihrer Arbeitsweise hat scheint es komisch, von agonistischen Algorithmen zu sprechen, da ihre 'Arbeit' unsichtbar abläuft. So wissen wir nicht, was alles im Hintergrund passiert, sodass uns verschiedene Bücher präsentiert werden, die uns aufgrund unseres Kaufverhaltens auch interessieren könnten.
Da es aber so viele verschiedene Algorithmen, auf so vielen verschiedenen Plattformen gibt, ist es gar nicht so abwegig, dass diese miteinander konkurrieren.

In ihrem siebten Szenario möchte Crawford betonen, warum es so wichtig ist, dass Algorithmen agonistisch sind. Zuvor hat sie ja schon die beiden Arten von Algorithmen benannt. Wenn man nun davon ausgeht, dass Algorithmen nur „autocratic“ sind, ergeben sich einige Probleme. Das würde bedeuten, dass das Internet aus gleichgestellten Nutzern besteht, die alle rational denken und dementsprechend auch im Netz agieren. Dies ist, wenn man zum Beispiel Bots oder Trolls mit einbezieht, definitiv nicht der Fall. Wenn wir nun der Logik des agonistischen Pluralismus' folgen, könnte dieser uns helfen, die tatsächlichen Gegebenheiten besser zu verstehen. Es gibt zahlreiche Positionen und Emotionen, die alle im Internet zusammenkommen. Man hat die Möglichkeit zwischen unterschiedlichem Handeln zu wählen, man hat Alternativen.
Auch hier sei wieder gesagt, dass ein Konfliktpotenzial definitiv gegeben ist und dieses einfach akzeptiert werden muss und Teil des Spiels ist.

Die achte Szene bezieht sich auf einen Streich der Communities 4chan und Anonymous. diese hatten es 2009 durch Manipulation mithilfe von autovotes geschafft, die jährlich große Ankündigung der 100 einflussreichsten Leute der Welt abzuändern.
Im neunten Abschnitt nimmt Crawford Bezug auf die Arbeitsplätze derjenigen, die Algorithmen schreiben, um den Agonismus von Algorithmen noch verdeutlichen zu können. Auch dort spielen Konflikte und Diskussionen jeden Tage eine Rolle, da, bis ein funktionierender Algorithmus gefunden ist, viel ausprobiert und lamentiert werden muss. Auch gibt es Plattformen, Crawford nennt Reddit, die ihre algorithmischen Prozesse transparent für die User machen, da jene die direkte Partizipation oftmals als etwas positives auffassen.
Algorithmen sind also schon Teil unseres sozialen Umfeldes.

Dies fasst Crawford im zehnten und letzten Punkt auch noch einmal auf, als sie betont, dass Algorithmen nicht nur etwas technisches, mechanisches sind, sondern auf menschlichen Entscheidungen basieren.