In
ihrem Text Can
an Algorithm be Agonistic? Ten Scenes from Life
in Calculated
Publics führt
Kate Crawford zehn verschiedene Szenarien auf, die zeigen sollen,
inwiefern Algorithmen agonistisch sind. Im Zuge dessen spricht sie
von einem agonisitschen Pluralismus, der auf der einen Seite ein
Ideal für Ingenieure darstellt und auf der anderen provozieren soll,
Algorithmen in einem sozialen Kontext zu sehen.
Der
erste Abschnitt stellt die Frage, ob Algorithmen politische
Eigenschaften haben können und wie genau diese aussehen. Laut
Langdon Winter gibt es zwei verschiedene Argumente, die zeigen, ob
technische Dinge politisch sind oder nicht. Entweder stellen diese
Dinge ein effektives Mittel dar, um Macht und Autorität zu
etablieren, indem soziale Akteure diese Dinge beeinflussen, oder die
technischen Dinge sind seit jeher politisch und damit automatisch mit
Macht und Autorität verbunden.
Crawford
verweist hierbei auf Chantal Mouffe, die eine Unterscheidung von
„political“ und „politics“ für notwendig hält. Der Ausdruck
„political“ bezeichnet für sie etwas antagonistisches, ein
Konfliktpotenzial, dass in jeder menschlichen Gesellschaft zu jeder
Zeit vorhanden ist. Es muss eine Wahl zwischen sich zwei
gegenüberstehenden Positionen getroffen werden „Politics“
hingegen ist eine Ansammlung von Praktiken und Institutionen, die
Formen der sozialen Organisation formen und auch immer ein
Konfliktpotenzial beinhalten.
Aufgrund
dieser Unterscheidung spricht Mouffe von „agonistic struggle“,
was nichts anderes bedeutet, als dass man die (eher unerfreuliche)
Wahl zwischen zwei unterschiedlichen Möglichkeiten hat. Dieser
Umstand ist für sie letztendlich die Grundlage einer
funktionierenden Demokratie. Für Crawford ist nun interessant, diese
verschiedenen Möglichkeiten in Zusammenhang mit den zahlreichen
Kontexten, in denen Algorithmen auftreten, zu bringen und so
Beobachtungen im Bezug auf Plattformen wie Facebook oder Amazon im
Vergleich mit dem schon zuvor angesprochenen „political“ zu
machen.
Das
zweite Szenario, welches Crawford aufzeigt, dürfte jedem von uns
bekannt sein. Man hat ein Buch oder irgendeinen anderen Gegenstand im
Internet gekauft und sogleich wird man von Anzeigen überflutet, die
sagen „Kunden, die diesen Artikel kauften, kauften auch...“. In
manchen Fällen erscheint uns der Zusammenhang zwischen den einzelnen
Produkten ganz logisch, in anderen, erschließt er uns sich nicht
direkt, auch wenn aufgrund gewisser Algorithmen klar errechnet wurde,
dass diese Produkte nun einmal oft zusammen gekauft werden. Dabei ist
aber auch nicht immer klar, wie genau die Algorithmen arbeiten, da
sie so viel Input bekommen, dass sie nicht mehr vorhersagbar sind.
Diese
Art von Manipulation gibt es aber nicht erst, seit es Seiten wie
Amazon gibt. Auch schon vorher wurde, durch zum Beispiel Bestseller
Listen, eine ganze Buchkaufende Öffentlichkeit, wie Crawford es
nennt, gelenkt und beeinflusst.
Im
dritten Abschnitt zitiert Crawford McKenzie Wark, der sagt, dass
„technology“ und „political“ nicht voneinander zu trennen
sind, und man das selbe System nur aus verschiedenen Perspektiven
betrachtet, wenn man von „technology“ oder „political“
spricht. Auch Alex Galloway spricht über dieses System und
konstatiert, dass man diesem mehr Beachtung schenken sollte als den
Technologien, die diese Systeme formen. So gibt es verschiedene
Algorithmenarten. Zum einen denjenigen, den Crawford als „autocratic“
bezeichnet. Solch ein Algortihmus ist der Google EdgeRank, dessen
Vorgehensweise nicht wirklich transparent und nachvollziehbar
scheint, und „plutocratic“ Algorithmen, wie den Google PageRank,
der Seiten unterstützt, die schon eine hohe Reichweite haben,
worüber wir in unserem Seminar schon oftmals gesprochen haben.
Im
vierten Szenario bezieht sich die Autorin auf ein Interview mit
Mouffe, die Demokratie definieren soll. Mouffe spricht vom „agonistic
pluralism“ der, ihrer Ansicht nach, in einer neuen Definition von
Demokratie beinhaltet werden sollte, und sich somit von dem
traditionellen liberalen Konzept abhebt. Es ist wichtig, dass die
demokratische Gesellschaft Übereinkünfte herstellen, indem sie ihre
persönlichen Interessen in den Hintergrund stellen und rationaler
denken. Dabei muss uns aber jederzeit bewusst sein, dass Konflikte
entstehen können, womit sie wieder Bezug zum agonistischen
Pluralismus nimmt, und diese auch Platz haben, um gelöst zu werden.
In
ihrer fünften Szene schildert Crawford den Tag des Anschlags beim
Boston Marathon im Jahre 2013, auf den sie durch Bilder auf Twitter
aufmerksam wurde. Auch in den darauffolgenden Stunden verbrachte die
Autorin ihre Zeit bei Reddit und Twitter, um über die neusten
Theorien und Informationen auf dem Laufenden gehalten zu werden.
Gleichzeitig wurden auch die Trauer und die Wut über solch ein
Attentat auf diesen Plattformen zum Ausdruck gebracht.
Schnell
wurde auch ein möglicher Tatverdächtiger durch die vielen User
identifiziert, ein vermisster Student der Brown Universität. Auch
die Mainstream Medien nannten diesen Namen bald in den Nachrichten,
bis der vermisste Student eine Woche später tot in einem Fluss
gefunden wurde und klar wurde, dass er nichts mit den Anschlägen zu
tun hatte.
Die
meisten Posts, die den Studenten verdächtigten wurden zwar gelöscht,
das meiste, was veröffentlicht wurde, kann aber immer noch
nachvollzogen werden.
Reddit
entschuldigte sich später dafür, dass die ganze Sache in solch
einem Maße aus dem Ruder gelaufen war. Die Gemeinschaft, das 'wir',
das sich in diesem Zeitraum auf der Plattform gebildet hat, schaffte
zwar großes Identifikationspotenzial, aber auch viele negative
Emotionen und Aggressionen. Die „upvotes“ zählten in diesem
Moment nicht viel, es schien, als sei die ganze Reddit Community
sicher, dass es sich bei dem Studenten um den Attentäter handelte.
Es wurde kein Konsensus, keine völlige Übereinstimmung geschaffen,
wie Mouffe sie anspricht, auch wenn durch zahlreiche andere Einflüsse
solch ein Eindruck erweckt wurde. Übrig blieben nur noch die
Entschuldigungen und die Scham der Seitenbetreiber.
Im
sechsten Punkt richtet die Autorin ihr Augenmerk ganz klar auf den
Punkt, ob Algorithmen agonistisch sein können. Zunächst erscheinen
Algorithmen nur als ein mathematisches Prozedere, welches auf Regeln
basiert und irgendwie mechanisch abläuft, Crawford schreibt aber,
dass diese sich auch zwischen rivalisierenden oder sich
widersprechenden Daten entscheiden müssen.
Auch
die Geschichte und Philosophie, die ihnen zugrunde liegt, muss erst
verstanden werden, um das ihrerseits vermittelte Wissen
nachvollziehen zu können.
Für
jemanden, der, wie ich, wenig Ahnung von Algorithmen und ihrer
Arbeitsweise hat scheint es komisch, von agonistischen Algorithmen zu
sprechen, da ihre 'Arbeit' unsichtbar abläuft. So wissen wir nicht,
was alles im Hintergrund passiert, sodass uns verschiedene Bücher
präsentiert werden, die uns aufgrund unseres Kaufverhaltens auch
interessieren könnten.
Da
es aber so viele verschiedene Algorithmen, auf so vielen
verschiedenen Plattformen gibt, ist es gar nicht so abwegig, dass
diese miteinander konkurrieren.
In
ihrem siebten Szenario möchte Crawford betonen, warum es so wichtig
ist, dass Algorithmen agonistisch sind. Zuvor hat sie ja schon die
beiden Arten von Algorithmen benannt. Wenn man nun davon ausgeht,
dass Algorithmen nur „autocratic“ sind, ergeben sich einige
Probleme. Das würde bedeuten, dass das Internet aus gleichgestellten
Nutzern besteht, die alle rational denken und dementsprechend auch im
Netz agieren. Dies ist, wenn man zum Beispiel Bots oder Trolls mit
einbezieht, definitiv nicht der Fall. Wenn wir nun der Logik des
agonistischen Pluralismus' folgen, könnte dieser uns helfen, die
tatsächlichen Gegebenheiten besser zu verstehen. Es gibt zahlreiche
Positionen und Emotionen, die alle im Internet zusammenkommen. Man
hat die Möglichkeit zwischen unterschiedlichem Handeln zu wählen,
man hat Alternativen.
Auch
hier sei wieder gesagt, dass ein Konfliktpotenzial definitiv gegeben
ist und dieses einfach akzeptiert werden muss und Teil des Spiels
ist.
Die
achte Szene bezieht sich auf einen Streich der Communities 4chan und
Anonymous. diese hatten es 2009 durch Manipulation mithilfe von
autovotes geschafft, die jährlich große Ankündigung der 100
einflussreichsten Leute der Welt abzuändern.
Im
neunten Abschnitt nimmt Crawford Bezug auf die Arbeitsplätze
derjenigen, die Algorithmen schreiben, um den Agonismus von
Algorithmen noch verdeutlichen zu können. Auch dort spielen
Konflikte und Diskussionen jeden Tage eine Rolle, da, bis ein
funktionierender Algorithmus gefunden ist, viel ausprobiert und
lamentiert werden muss. Auch gibt es Plattformen, Crawford nennt
Reddit, die ihre algorithmischen Prozesse transparent für die User
machen, da jene die direkte Partizipation oftmals als etwas positives
auffassen.
Algorithmen
sind also schon Teil unseres sozialen Umfeldes.
Dies
fasst Crawford im zehnten und letzten Punkt auch noch einmal auf, als
sie betont, dass Algorithmen nicht nur etwas technisches,
mechanisches sind, sondern auf menschlichen Entscheidungen basieren.