Mead grenzt das „Ich“ und das „ICH“
insofern voneinander ab, dass das „Ich“ durch neue Entwicklungen
agiert und das „ICH“ den Rahmen für diese Handlungen bildet, dem
„Ich“ also eine Form gibt. Diese ist eigentlich konventionell,
kann aber in bestimmten Situationen und Lebenslagen durchaus
unkonventionell beziehungsweise unkontrolliert auftreten.
Um dies zu verdeutlichen, erklärt Mead
die Funktion des „ICH“ als Zensor. Dabei bestimmt das „ICH“
einen gewissen Rahmen für zulässiges Verhalten. Unter großem Druck
verliert das „ICH“ jedoch seine Kontrolle, sodass das „Ich“
nun vorherrscht.
Normalerweise nimmt das Individuum das
Verhalten anderer an, Mead nennt das die gesellschaftliche Kontrolle.
Unsere Reaktionen orientieren sich demnach an gesellschaftlichen
Konventionen, eine eigene Reaktion, abhängig von dem eigenen „Ich“
spielt dabei jedoch auch eine gewichtige Rolle. Dadurch entwickelt
ein Jeder eine Persönlichkeit, eine eigene Identität und ist eben
nicht nur ein institutionalisiertes Individuum. Das
institutionalisierte Individuum wiederum äußert sich nun auf solch
eine Art und Weise, dass die Gesellschaft, in der das Individuum sich
bewegt, einen Nutzen darauf ziehen kann.
In diesem Fall spricht Mead von
verengten Identitäten, die sich nicht komplett der Gruppe oder
Gesellschaft öffnen können, in der sie leben. Sie nutzen aber die
Gesellschaft auch nicht nur zu ihrem eigenen Vorteil aus, Mead
spricht hierbei von impulsiven Menschen, die nicht zwingend
selbstsüchtig sein müssen.
Dieser Ausdruck der eigenen Identität
ist besonders wichtig. Ein Mensch muss zwar Routinearbeiten nachgehen
können, Situationen, in denen er sich gehen lassen und seine eigene
Persönlichkeit so ausdrücken darf wie er möchte, sind von
unschätzbar großem Wert für jedes Individuum. Solche Handlungen
sind von impulsivem Wert und können mal höher, mal niedriger von
der Gesellschaft geschätzt werden.
Die Werte des „ICH“ sind Werte der
Gesellschaft, im Grunde handelt es sich sogar um Werte, die wichtiger
als alles andere sind und eine Aufopferung der Identität für das
große Ganze möglich machen. Damit tut sich laut Mead ein Paradoxon
auf, da der Einzelne sich zwar für die Gesellschaft opfert, er
dadurch aber erst zu einer Identität wird und das Leben als
Identität erst in der Gesellschaft möglich ist. Individuum und
Gemeinschaft beeinflussen sich also gegenseitig, vielmehr noch, sie
bedingen einander. Hierbei handelt es sich meist um kleine Gruppen,
die durch jeden Einzelnen neu geformt werden, im Gegenzug dazu aber
auch jeden Einzelnen in gewisser Weise umformen.
Diese Veränderungen fallen vor allem
bei großen Persönlichkeiten, wie Mead sie nennt, ins Gewicht. Dabei
können diese Personen sogar zu Symbolen werden, die lange Zeit
aufrecht erhalten werden können. Solche Genies sind meist der Grund
für die größten gesellschaftlichen Veränderungen, wobei die
einzelnen Personen vorher durch ihre Umwelt und Gemeinschaft geprägt
wurden.
Hierbei verändert das „Ich“ die
Gesellschaft, was sich positiv, aber auch negativ auswirken kann. In
einer Gesellschaft können Werte verschwinden oder eben auftauchen,
die letztendlich zu einer Enthemmung führen können, die jeden
Einzelnen Erfahrungen erleben lassen können, die er unter normalen
Umständen vielleicht nicht gemacht hätte.
Am einfachsten scheint es die eigene
Meinung auszudrücken, wenn sich das Interesse einer Gruppe gegen
einen gemeinsamen Feind richten kann. Laut Mead ist der Kampf das,
was das Interesse einer Gemeinschaft aufrecht erhält.
Ein eigener Ausdruck ist dennoch
unabdingbar. Eine zivilisierte menschliche Gesellschaft muss sich
ganz klar von einer primitiven abgrenzen, indem sie individuelles
Denken und Verhalten zulässt und nicht zwanghaft an Konventionen
festhält. Dabei ist aber eine klare Orientierung an der Gemeinschaft
vorhanden, da jedes Individuum durch diese bedingt wird.
Auch David Riesman spricht in seinem
Buch The Lonely Crowd davon,
dass jedes Mitglied einer Gemeinschaft so handeln sollte, dass die
Gesellschaft den größten Nutzen daraus ziehen kann. Riesman drückt
es so aus, dass jedes Individuum so handeln wollen
muss,
wie es letztendlich für die eigene Gesellschaft handeln muss.
Diese
Konformität, wie Riesman es nennt, sich an die jeweilige
Gemeinschaft anzupassen, wird quasi von Anfang an jedem Kind
mitgegeben, wobei dies sich im Nachhinein in verschiedene Richtungen
entwickeln kann.
Anhand
einer sogenannten S-Kurve, die mit Bevölkerungswachstum und
dergleichen zu tun hat (was ich nicht vollständig verstanden habe),
zeigt Riesman drei Idealtypen von Charakteren und deren
Gesellschaften auf.
Der
erste Typ wird von denjenigen gebildet, die ihre Konformität durch
Traditionen und das Befolgen dieser bilden. Es geht hauptsächlich
darum, Sitten und Gebräuche zu erhalten und diese weiterzugeben in
einer Gesellschaft, die sich kaum wandelt.
Dann
gibt es Menschen, deren Konformität eher von einem inneren Verlangen
abhängt, früh im Leben gewisse Ziele zu erreichen. Dies ist der
innengeleitete Mensch. Traditionen haben in dieser Gesellschaft
keinen hohen Stellenwert, da es sich um eine Gesellschaft im stetigen
Wandel handelt. Werte, die generell gültig sind, werden schon früh
vermittelt, sodass diese in nahezu jeder Lebenssituation zum eigenen
Vorteil angewendet werden können.
Abschließend
nennt Riesman noch einen dritten Typ Mensch, den außengeleiteten,
der hauptsächlich darauf abzielt, die Erwartungen seines Umfeldes zu
erfüllen. Durch viele Einflüsse von außen, andere Werte und
Traditionen, richtet sich der Mensch eher nach dem, was er von zum
Beispiel Massenmedien vermittelt bekommt. Auch peer-groups erhalten
neben den Eltern eine wichtige Rolle bei der Sozialisation.
Diese
drei Typen, die Riesman nennt, sind aber eher abstrakt zu sehen und
nicht vollkommen festgesetzt. Es gibt nicht nur diese drei Typen, die
immer wieder auftreten, vielmehr hat jeder Mensch diese drei Typen in
sich vereint, sodass ein situationsgerechtes agieren jederzeit möglich ist.