Mittwoch, 27. Mai 2015

Mead grenzt das „Ich“ und das „ICH“ insofern voneinander ab, dass das „Ich“ durch neue Entwicklungen agiert und das „ICH“ den Rahmen für diese Handlungen bildet, dem „Ich“ also eine Form gibt. Diese ist eigentlich konventionell, kann aber in bestimmten Situationen und Lebenslagen durchaus unkonventionell beziehungsweise unkontrolliert auftreten.
Um dies zu verdeutlichen, erklärt Mead die Funktion des „ICH“ als Zensor. Dabei bestimmt das „ICH“ einen gewissen Rahmen für zulässiges Verhalten. Unter großem Druck verliert das „ICH“ jedoch seine Kontrolle, sodass das „Ich“ nun vorherrscht.
Normalerweise nimmt das Individuum das Verhalten anderer an, Mead nennt das die gesellschaftliche Kontrolle. Unsere Reaktionen orientieren sich demnach an gesellschaftlichen Konventionen, eine eigene Reaktion, abhängig von dem eigenen „Ich“ spielt dabei jedoch auch eine gewichtige Rolle. Dadurch entwickelt ein Jeder eine Persönlichkeit, eine eigene Identität und ist eben nicht nur ein institutionalisiertes Individuum. Das institutionalisierte Individuum wiederum äußert sich nun auf solch eine Art und Weise, dass die Gesellschaft, in der das Individuum sich bewegt, einen Nutzen darauf ziehen kann.
In diesem Fall spricht Mead von verengten Identitäten, die sich nicht komplett der Gruppe oder Gesellschaft öffnen können, in der sie leben. Sie nutzen aber die Gesellschaft auch nicht nur zu ihrem eigenen Vorteil aus, Mead spricht hierbei von impulsiven Menschen, die nicht zwingend selbstsüchtig sein müssen.
Dieser Ausdruck der eigenen Identität ist besonders wichtig. Ein Mensch muss zwar Routinearbeiten nachgehen können, Situationen, in denen er sich gehen lassen und seine eigene Persönlichkeit so ausdrücken darf wie er möchte, sind von unschätzbar großem Wert für jedes Individuum. Solche Handlungen sind von impulsivem Wert und können mal höher, mal niedriger von der Gesellschaft geschätzt werden.

Die Werte des „ICH“ sind Werte der Gesellschaft, im Grunde handelt es sich sogar um Werte, die wichtiger als alles andere sind und eine Aufopferung der Identität für das große Ganze möglich machen. Damit tut sich laut Mead ein Paradoxon auf, da der Einzelne sich zwar für die Gesellschaft opfert, er dadurch aber erst zu einer Identität wird und das Leben als Identität erst in der Gesellschaft möglich ist. Individuum und Gemeinschaft beeinflussen sich also gegenseitig, vielmehr noch, sie bedingen einander. Hierbei handelt es sich meist um kleine Gruppen, die durch jeden Einzelnen neu geformt werden, im Gegenzug dazu aber auch jeden Einzelnen in gewisser Weise umformen.
Diese Veränderungen fallen vor allem bei großen Persönlichkeiten, wie Mead sie nennt, ins Gewicht. Dabei können diese Personen sogar zu Symbolen werden, die lange Zeit aufrecht erhalten werden können. Solche Genies sind meist der Grund für die größten gesellschaftlichen Veränderungen, wobei die einzelnen Personen vorher durch ihre Umwelt und Gemeinschaft geprägt wurden.
Hierbei verändert das „Ich“ die Gesellschaft, was sich positiv, aber auch negativ auswirken kann. In einer Gesellschaft können Werte verschwinden oder eben auftauchen, die letztendlich zu einer Enthemmung führen können, die jeden Einzelnen Erfahrungen erleben lassen können, die er unter normalen Umständen vielleicht nicht gemacht hätte.
Am einfachsten scheint es die eigene Meinung auszudrücken, wenn sich das Interesse einer Gruppe gegen einen gemeinsamen Feind richten kann. Laut Mead ist der Kampf das, was das Interesse einer Gemeinschaft aufrecht erhält.
Ein eigener Ausdruck ist dennoch unabdingbar. Eine zivilisierte menschliche Gesellschaft muss sich ganz klar von einer primitiven abgrenzen, indem sie individuelles Denken und Verhalten zulässt und nicht zwanghaft an Konventionen festhält. Dabei ist aber eine klare Orientierung an der Gemeinschaft vorhanden, da jedes Individuum durch diese bedingt wird. 

Auch David Riesman spricht in seinem Buch The Lonely Crowd davon, dass jedes Mitglied einer Gemeinschaft so handeln sollte, dass die Gesellschaft den größten Nutzen daraus ziehen kann. Riesman drückt es so aus, dass jedes Individuum so handeln wollen muss, wie es letztendlich für die eigene Gesellschaft handeln muss. Diese Konformität, wie Riesman es nennt, sich an die jeweilige Gemeinschaft anzupassen, wird quasi von Anfang an jedem Kind mitgegeben, wobei dies sich im Nachhinein in verschiedene Richtungen entwickeln kann.
Anhand einer sogenannten S-Kurve, die mit Bevölkerungswachstum und dergleichen zu tun hat (was ich nicht vollständig verstanden habe), zeigt Riesman drei Idealtypen von Charakteren und deren Gesellschaften auf.
Der erste Typ wird von denjenigen gebildet, die ihre Konformität durch Traditionen und das Befolgen dieser bilden. Es geht hauptsächlich darum, Sitten und Gebräuche zu erhalten und diese weiterzugeben in einer Gesellschaft, die sich kaum wandelt.
Dann gibt es Menschen, deren Konformität eher von einem inneren Verlangen abhängt, früh im Leben gewisse Ziele zu erreichen. Dies ist der innengeleitete Mensch. Traditionen haben in dieser Gesellschaft keinen hohen Stellenwert, da es sich um eine Gesellschaft im stetigen Wandel handelt. Werte, die generell gültig sind, werden schon früh vermittelt, sodass diese in nahezu jeder Lebenssituation zum eigenen Vorteil angewendet werden können.
Abschließend nennt Riesman noch einen dritten Typ Mensch, den außengeleiteten, der hauptsächlich darauf abzielt, die Erwartungen seines Umfeldes zu erfüllen. Durch viele Einflüsse von außen, andere Werte und Traditionen, richtet sich der Mensch eher nach dem, was er von zum Beispiel Massenmedien vermittelt bekommt. Auch peer-groups erhalten neben den Eltern eine wichtige Rolle bei der Sozialisation.
Diese drei Typen, die Riesman nennt, sind aber eher abstrakt zu sehen und nicht vollkommen festgesetzt. Es gibt nicht nur diese drei Typen, die immer wieder auftreten, vielmehr hat jeder Mensch diese drei Typen in sich vereint, sodass ein situationsgerechtes agieren jederzeit möglich ist. 

Mittwoch, 6. Mai 2015

Laut dem Philosophen und Soziologen George Herbert Mead hat jedes Individuum Eigenschaften, die es von anderen unterscheidet. Diese Fähigkeiten oder Eigenschaften machen uns effektiv, sodass die Gesellschaft in gewissen Aspekten ergänzt werden kann.
Interessant ist hierbei, dass theoretisch in der Gemeinschaft, in der die Individuen sich bewegen, jede Person den gleichen gesellschaftlichen Ursprung hat, es in der Entwicklung der eigenen Werte, Eigenschaften, etc. aber zu weitreichenden Unterschieden kommen kann.
Dabei reagiert jeder Einzelne auf die Gesellschaft, passt sich ihr an, beeinflusst aber auch umgekehrt die Gesellschaft durch seine Persönlichkeit. Besonders deutlich wird dies bei historischen Persönlichkeiten, wie zum Beispiel Einstein, die die Gemeinschaft nachhaltig prägen und verändern.
Diese Veränderungen scheinen zunächst unsichtbar, jedes Individuum kann erst im Nachhinein auf diese, von ihm selbst herbeigeführte Veränderung, reagieren.
Hierbei sollen die tatsächlichen Ereignisse, die eine Person erlebt hat, verwirklicht werden. Mead nennt dies das 'Ich', das durch seine Identität Anerkennung aller anderen Individuen sucht. Es geht aber noch weit über das Suchen von Anerkennung hinaus, da jede einzelne Person versucht, sich durch ihre Identität von den anderen zu unterschieden. Und dies nur im positiven Sinne. Diese Art Überlegenheitsgefühl ist jedoch nicht negativ aufzufassen, sondern ganz normal für das „Ich“ eines jeden.
Auch in der Gemeinschaft spiegelt sich dieses Überlegenheitsgefühl wider. Die eigene Gruppe soll immer besser sein als die anderen, organisierter.

Ähnliche Ansätze liefert auch Albert K. Cohen. Er geht jedoch zunächst von der Grundannahme aus, dass alle Taten von Personen dazu dienen, Probleme zu lösen. Diese Probleme gehen einmal aus der Lebenswelt eines jeden Individuums hervor (bei Cohen: 'situation') und den schon vorhandenen Interessen und Werten ('frame of referneces'). Um die Probleme zu lösen, muss eine Werteverschiebung stattfinden, das heißt, der 'frame of references' muss sich nachhaltig ändern. Ein anderes Kriterium, um Probleme zufriedenstellend zu lösen, ist, dass die Gemeinschaft, in der sich das Individuum befindet, diese Lösung als nachvollziehbar annimmt. Werden die Lösungsansätze in der Form jedoch nicht von der Gemeinschaft akzeptiert, so kann es passieren, dass das Individuum lieber Teil einer anderen Subkultur wird, die näher an den eigenen Vorstellungen liegt.
Und auch in der Gemeinschaft müssen Probleme so gelöst werden, dass sich der 'frame of references' verändert. Dies kann manchmal sogar in solch einem Maße geschehen, dass sich für äußere Betrachter, ganze moralische Grundsätze auflösen. Dieser Prozess stellt die Bildung einer neuen Subkultur dar.
Ähnlich wie bei Mead betont auch Cohen, dass jedes Individuum in seiner Gemeinschaft akzeptiert werden will, was sich bei Mead in dem Überlegenheitsgefühl äußert, dass jedes Individuum, seiner Meinung nach, inne hat. Und auch das Überlegenheitsgefühl der einzelnen Gruppen impliziert Cohen, da er davon spricht, dass jede Gruppe beziehungsweise Subkultur vor dem Problem stehen könnte, von Außen nicht akzeptiert zu werden, die Individuen sich innerhalb ihrer Gemeinschaft jedoch am wohlsten fühlen.